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Typografie im Schweizer Fernsehen

Beim Redesign des Landessenders gehts nicht nur um Studioeinrichtungen – ein neues Logo und die Typografie prägen den Sender mit. Im Dezember 2005 ging der gestalterische Relaunch über die Bühne. Die in die Jahre gekommenen Studios der Tagesschau und von 10 vor 10 sind sichtlich moderner gestaltet. Darum gehts hier aber nicht, sondern um das Grafikdesign und die Typografie. Unter der Leitung von Alex Hefter wurde das neue Erscheinungsbild entwickelt, welches Schritt für Schritt die wichtigen Sendegefässe umfassen soll. Hefter hat Mitte der 80er Jahre in Stuttgart Design studiert und zeichnete später als Chefdesigner für das Erscheinungsbild des ZDF verantwortlich.

Ein Beitrag aus dem Publisher

Die neuen Marken

Das Logo SF wird als Dachmarke inszeniert, die Kanäle SF 1 und SF 2 sowie die wichtigen Programmgefässe bauen darauf auf. Hefter: «Dies setzt allerdings voraus, dass es einige wenige Konstanten geben muss, die kompatibel zu allen Programminhalten und Distributionsvektoren sind. Aus diesem Grund haben wir ein sehr plakatives und einprägsames Logo entwickelt und eine sehr plakative und klare Schrift gewählt, die sachlich genug die grosse Bandbreite an Inhalten und technologischen Medien abdecken kann.»

Hinterfragt man «sehr plakativ und einprägsam» in Bezug auf das Logo und beurteilt die Dachmarke SF, so resümiert der Gestalter, dass zwei fette weisse Buchstaben auf roter Grundfläche immer plakativ wirken, und plakativ ist immer auch einprägsam. Wo bleibt jedoch die zündende Idee, die Entwicklung, wie Hefter meint, für eine Dachmarke? Kein Vergleich zum ZDF, wo sich das Z gleichzeitig als 2 liest. Ein Quadrat und zwei eingemittete Helvetica-Buchstaben, das ist gestalterisch gesehen Biederkeit pur. Als «Entschuldigung» dafür bringt man dann reduktionistisches Minimaldesign ins Spiel. Die beiden Buchstaben SF in Helvetica Black zeigen kleine Innenräume, die Prägnanz leidet vor allem in den kleinen Grössen. Es gäbe wirklich bildschirmtauglichere Schriften. Wenn man die beiden Wörter «Schweizer Fernsehen» im Anhängsel betrachtet, wird man den Verdacht nicht ganz los, den Fernsehleuten fehle es womöglich an typografischem Rüstzeug: Neue Helvetica Roman, Versalien, auf zwei Zeilen eingeblockt. Sie stehen zu nah am Quadrat, haben zu kleine Buchstabenabstände und der Zeilenabstand ist viel zu gering. Am Beispiel darunter (Schrift FF Zwo) kann man nachvollziehen, was unter Lesbarkeit gemeint ist. Die Einblendung der Logos SF 1 und SF 2 oben rechts bei Filmen ist viel zu dominant. SF 2 ist sechsmal breiter als zum Beispiel die Einblendung des Logos im ersten deutschen Fernsehen (1 im Kreis). Ist das so wichtig?

Differenzierung

Hefter benützt beim Versuch, die drei Hierarchiestufen Dachmarke, Kanäle und Sendegefässe optisch zu vereinen, das Logo SF plus einen Textzusatz in verschiedenen Stärken und Schreibweisen. Der Textzusatz erlaubt neben dem SF-Logo nun keine Spielereien mehr, weder den i-Punkt wegzulassen noch die 1 zu beschneiden. Entweder man differenziert oder vereinigt.

Eine stilisierte Ziffer Eins mit 35 Grad abgewinkeltem Dach steht im Kontrast zur Lösung für den zweiten Kanal. Dort hält man es mit dem Wort zwei. Weder das eine noch das andere ist funktional. Als Ziffern erkennt man 1 und 2 einfach schneller. Wer jedoch die Helvetica wählt, sollte auch die Form der Ziffern akzeptieren. Und in den Ziffern sieht man am besten, dass die Helvetica ein Auslaufmodell ist. Kein moderner Schriftdesigner zeichnet heute eine 1 mit der Formensprache der Helvetica. Hat Hefter davor kapituliert? Wie anders könnte es sein, sind auch beim Gefäss 10 vor 10 die Einsen furchtbar verstümmelt, na ja, Geschmacksache.

Da beim Kanal SF 2 die Ziffer als Wort zwei klein geschrieben ist, aber gleich hoch wie SF, wirkt der Schriftzug viel zu dick, zu aufsässig. Auch hier wurde wenig Aufhebens um die Optik verwendet.

Die Farbcodierung

Die Farben vermögen nicht zu trennen: Unklar, ob sie nach Kanälen oder Gefässen geordnet sind oder ob Beliebigkeit angesagt ist. Für die Dachmarke SF wurde Rot verwendet, ebenso für den Kanal SF 1 sowie die Tagesschau Info und Meteo. Im Internet findet man auch die inverse Variante mit weissem Quadrat und farbiger Schrift. Gelborange wird für SF 2 verwendet; Der Sport hingegen, im zweiten Kanal, kommt in Blau. Falls überhaupt irgendein Farkonzept hinterlegt ist, ist es auf jeden Fall nicht erkennbar. Die gleichwertige Farbcodierung von mehreren Kanälen und Gefässen macht die Zuordnung schwierig.

Schreibweisen und -fehler

Die Kanalbezeichnung zwei im Logo ist klein geschrieben, in Helvetica Black, ebenso das Sendegefäss info. Tagesschau hingegen ist versal geschrieben. 10 vor 10 ebenfalls versal, dafür in Helvetica Black und Medium gemischt. Schweizer Fernsehen wiederum steht in Helvetica Roman. Macht nicht gerade einen überzeugenden Eindruck. Wird hier einfach nach Lust und Laune verfahren? Ein bisschen bunt, ein bisschen gross, ein bisschen klein, dick und dünn? Ist das jetzt Stuttgarter Design oder Schweizer Typografie? Bezüglich Mikrotypografie und richtiger Zeichensetzung darf der gleiche Massstab gelten, wie er bei Zeitungen und Zeitschriften üblich ist. Ich hatte bisher den Eindruck, dass den Fernsehmachern fehlerfreie Texte unwichtig sind, obschon der Duden nach meinem Wissensstand auch im Service-Public-Bereich Gültigkeit hat. So geht keine Tagesschau oder kein 10 vor 10 über den Sender, ohne dass Fehler zu bemängeln sind. Fast schon witzig, wenn die Zunahme des Dow Jones mit 0.59%, d.h. mit 0 Punkt 59%, geschrieben, aber als 0 Komma 59% gesprochen wird.

Kriterien für die Schrift?

Die Schrift am Bildschirm in Texttafeln, Grafiken, in der Wetterkarte oder bei Börseninformationen hat den Anspruch, rasch erfasst zu werden. Ich frage also Alex Hefter, Leiter Gestaltung, per E-Mail: «Wie sind Sie auf die Helvetica als Corporate-Design-Schrift gekommen? Halten Sie sie für besser lesbar als die Frutiger? Welche Kriterien zogen Sie bei der Wahl hinzu, was gab den Ausschlag? Wie begründen Sie die Leserlichkeit der Helvetica am Bildschirm? Welche Schriften funktionieren aus Ihrer Sicht gut im Fernsehen?» Die Antwort fällt dünn aus: «… Für mich persönlich wirkt die Helvetica zudem klarer, eleganter und etwas neutraler und zeitloser, was der Gestaltung so sehr unterschiedlicher Inhalte entgegen kommt. Lesbar sind aus meiner Sicht beide Schriften ähnlich gut, die Helvetica vielleicht noch eine Spur klarer und besser.»

Ich bin sprachlos. Scheut er die ausführliche Antwort, oder kennt er sie nicht? Da ist keine Spur von Auseinandersetzung mit Schrift, nichts von Leserlichkeit, kein Ringen um moderne Formen, um Innenräume, um Breiten, um negative oder positive Darstellung. Das gesamte Schriftwissen, wie es Adrian Frutiger zelebrierte, einfach nichts. Kein Disput um die Grössen in schlechten Auflösungen, um die Probleme überhaupt. Mir springt pure Gefälligkeit entgegen: «Klarer, neutraler, eleganter, zeitloser als die Frutiger. Punkt.» Diese Aussage eines Chefdesigners ist, gelinde gesagt, etwas verblendet. Hier eine Probe:

Der Vergleich zeigt die Neue Helvetica Roman links und die Frutiger Next Medium daneben. Man braucht kein Experte zu sein, um zu erkennen, welche Formen dynamischer, moderner und eleganter wirken. Die Helvetica als zeitloser als die Frutiger zu bezeichnen, ist respektlos und zeugt von wenig Kenntnis über den bedeutendsten Schriftgestalter der neueren Zeit.

Die gute alte Helvetica

Max Miedinger hat 1957 die Helvetica erschaffen, vier Jahre nachdem das Schweizer Fernsehen das Licht der Welt erblickte. Gleichzeitig entstand die Univers (von Frutiger) mit ihrem revolutionären Ansatz, Schriften nach Lage, Stärke und Breite systematisch als Familie zu sehen. Nun sind wir doch schon ein paar Jährchen weiser und um ein paar Schriften reicher, zudem ist das Bildschirmzeitalter angebrochen, von dem der liebe Max keine Ahnung hatte. Was soll der «Alter-Schnee-und-Retro-Look»?

Es geht hier nicht um eine Minderung der Helvetica, die eine grosse Schrift ihrer Zeit war. Auch nicht darum, der Frutiger nachzutrauern. Es gibt inzwischen Dutzende geeigneter Schriften, die auch bei den Impressumsgaben wie Bericht, Kamera, Schnitt gelesen werden können und die dem heutigen Empfinden eher entsprechen.

Frutiger, der Standard

Frutiger zeichnete um 1974 das Alphabet Roissy für den Flughafen Paris-Charles-de-Gaulle. Die Roissy kann als Vorläufer der Frutiger angesehen werden. Frutiger setzte sich intensiv mit Lesbarkeit unter verschiedenen Blickwinkeln und Distanzen auseinander. Seine damals erkannten Regeln über die Lesbarkeit in der Signaletik haben noch heute Gültigkeit und können ohne weiteres auch bei Powerpoint-Präsentationen oder eben beim Fernsehen angewendet werden. Es geht dabei um die offenen Innenräume der Zeichen, um Fetten, Breiten und Grössen. Die Frutiger hat als Schrift Astra-Frutiger schweizweit den Einzug in die Strassensignalisation gehalten, weil sie auch unter schlechten Bedingungen gut und schnell erfassbar ist. Es verursacht Kopfzerbrechen, wie so genannte Fachleute leichtfertig in den Schrifttopf greifen. Dazu dilettantisch formulierte Legitimierungsversuche. Wenn es so direkt aus der Quelle des öffentlich-rechtlichen Fernsehen kommt, dann ist Kritik angebracht. Da wird Funktionalität mit persönlichen Vorlieben verwechselt. Was beim ZDF schon mittelmässig ist, wird durch die Kopie beim Schweizer Fernsehen nicht besser. Da hätte man gleich die Arial nehmen können!

Zum Schluss

Welch selbstgefällige Inszenierung hat SF wegen des Redesigns doch zelebriert! Sicher lebt das Fernsehen von Bildern und vom Ton. Aber selbst wenn Logo, Grafiken oder Texte keine so grosse Bedeutung aufweisen, darf man beim Redesign und im Alltag professionelle Typografie erwarten. Man konzipiert ja nur einmal, dafür richtig. Beim näheren Hinsehen entsteht der Eindruck, dass das neue Erscheinungsbild konzeptionell und formal schwach wirkt und man sich im täglichen Einsatz erhebliche typografische Defizite leistet. Und vermutlich, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein.

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