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Streit ums Internet der Amateure
Führt das Medium Internet zur totalen Desinformation oder zu einer neuen Epoche der Aufklärung? Die Exponenten beider Lager bekämpfen sich erbittert.Captain Martin Anderson von den kanadischen Streitkräften berichtet seiner Familie über ein Tagebuch im Internet (Weblog), was er in Afghanistan erlebt. Das ist der kanadischen «National Post» im Herbst 2005 eine Titelgeschichte wert.
In London verschicken Pendler nach den Bombenanschlägen im letzten Sommer per Handy Fotos der brennenden U-Bahn. Als das Telefonnetz der Metropole zusammenbricht, wird der Ausfall durch Einträge in Weblogs überbrückt. Der Begriff «Citizen Reporter», jeder Bürger ein Reporter, wird zum Modewort.
Wikipedia ist ein kostenloses Internetnachschlagewerk, in das jeder Laie Artikel einbringen und verändern kann. Geht es nach Internetvordenkern wie dem Amerikaner Tim O’Reilly, wird Wikipedia bald die Encyclopedia Britannica ablösen, das kostenpflichtige Standardlexikon englischer Sprache.
Der bloggende Frontsoldat, die reportierenden Metrofahrer, das Amateurlexikon: Sie sollen Teil einer gigantischen Umwälzung der Mediengeschichte sein, meinen die Internetvisionäre um Tim O’Reilly. Diese Revolution sei grösser als Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert.
Die Weblogs und Wikipedias haben alle einen gemeinsamen Nenner: Sie basieren auf basisdemokratischen Prinzipien, funktionieren von unten nach oben – für diese Bewegung hat sich auch der Begriff «Grassroot Movement» eingebürgert. Wer mitmachen will, kann die dafür benötigten Werkzeuge sofort und ohne grosse technische Hürden benutzen. Jeder wird so sein eigener Verleger im Internet. Es geht ein Begriff um für dieses Web: Man nennt es «Web 2.0», es steht für das Netz der Amateure.
Das Internet, der neue Gott
Die erste Version des Internets (Web 1.0) existierte nach dieser Lesart zwischen 1995 – den ersten zaghaften kommerziellen Versuchen – und dem Herbst 2001, dem grossen Dotcom-Crash. Als die Web-Goldgräberstimmung allgemeinem Katzenjammer wich und sich Risikokapital webweit in Luft auflöste, endete also auch Web 1.0. Doch das war alles halb so schlimm, denn Version 1 war statisch, der Homo internauticus einseitig zum Konsumieren verdammt, eine aktive Teilnahme am Netz der Netze blieb ihm verwehrt. Nun mit Web 2.0 wird alles besser – meinen seine Verfechter.
Kevin Kelly gehört auch zu ihnen. Er gilt als Vordenker der Computerkultur und gründete unter anderem das Magazin «Wired», das sich als Speerspitze dieser Kultur versteht. Dort gerät Kelly ob den neuen Möglichkeiten in geradezu ekstatische Verzückung. Er beschreibt Web 2.0 so: «Wenn in 3000 Jahren kluge Köpfe unsere Epoche studieren, (...) werden sie unsere Zeit als für die Menschheit wegweisend beurteilen. Denn dies ist die Zeit, in der die Menschen begannen, (...) ihre Hirne mit einer weltumspannenden Einheit (a single thing) zu verbinden. Unsere Spezies vernetzte alle Regionen, Prozesse, Fakten und Gedanken in ein grosses Netzwerk. Mit diesem zu Beginn kleinen unsichtbaren Netz entstand (...) eine fühlende, denkende Einheit (device), die jede bisherige Erfindung in den Schatten stellte. Dieses Eine Ding ermöglichte uns eine neue Dimension des Denkens und führte zu einem geistigen Neuanfang der Menschheit. Es wurde Licht.»
Mit anderen Worten: Das Medium Internet, das Web 2.0, mit seinen neuen basisdemokratischen Teilnahmemöglichkeiten, formt wie ein Gott den Menschen zu höherem Bewusstsein. Nicht wenige Web-2.0-Verfechter gehen mit Kelly einig.
Gegen die Massenmedien
Tim O’Reilly ist zwar von entschieden nüchternerer Natur, aber auch er sieht im Web 2.0 noch nie da Gewesenes. Gemäss ihm entstehen ganz neue Geschäftsmodelle. Auch sie beruhen auf der Zusammenarbeit von unten nach oben. Daher werden Firmen, die sich das Grassroot-Geschäftsmodell zu Eigen machen, zu den erfolgreichen von Web 2.0 gehören.
Neuste Entwicklungen im Internet scheinen O’Reilly Recht zu geben, ein Internetboom – Version 2 – kündet sich an, mit dem Börsengang von Google wurde er gezündet. Seither sind Grassroot-Firmen hip: Flickr, ein Bilderdienst, wurde vom Onlineriesen Yahoo geschluckt. Auf Flickr verwalten Leute kollaborativ ihre digitalen Bilder. Weblogs Inc. wiederum gehört nun dem Medienriesen AOL – für 25 Millionen Dollar. Ein Produkt von Weblogs Inc. war Engadget, ein Blog, der laut der Webseite Technorati weltweit zu den Top Ten gehört.
Blogs sind die Stars von Web 2.0, über 30 Millionen listet Technorati auf. Blogs, so meinen Technologievordenker wie O’Reilly oder Kelly, sei Journalismus von Bürgern für Bürger und damit eine Alternative zu den Mainstream-Medien. Und nicht nur das. O’Reilly behauptet: «Zwischen den Medienhäusern und den Bloggern findet nicht ein Kampf um die bessere Website statt, sondern um das bessere Geschäftsmodell. Web 2.0 ist eine Welt, wo die Leser bestimmen, was wichtig ist, nicht einige Verleger im Hinterzimmer.»
Solche Worte machen Eindruck, die Angesprochenen üben sich bereits in Umarmungsversuchen. Das «Time Magazine» stellt den fremden Blog «Daily Dish» in den eigenen Internetauftritt. Zeitungen wie «20 Minuten» (gehört zur Tamedia-Gruppe) nehmen per MMS «spannende Fotos» ihrer Leser entgegen und schielen damit auf die Bürger als Reporter, jene Citizen Reporters also, für die auch der Nachrichtensender MSNBC auf seiner Webseite eine eigene Rubrik einrichtete.
Wenn Kevin Kelly vom Web-2.0-Internet als aufklärender Gottheit schwärmt, und O’Reilly über das Web 2.0 als Waffe gegen die etablierten Medien sinniert, beginnt beim Amerikaner Nicholas Carr das grosse Schaudern. Auch er schrieb schon für «Wired», auch er ist eine Kapazität in Sachen Computerkultur, doch Carr kommt zu ganz anderen Schlüssen.
Im Oktober 2005 äussert er in «The Amorality of Web 2.0» scharfe Kritik an der vorherrschenden Meinung der O’Reilly/Kelly-Fraktion. «Wenn man das Internet als Religionsersatz, als Erlöser für die Menschheit, betrachtet, kann man es nicht mehr objektiv analysieren», schreibt er. «Wird es als göttlicher Heilsbringer verklärt, ist alles, was es mit sich bringt – Teilnahme, Kollektivismus, virtuelle Gemeinschaften, Amateurismus – von vornherein gut. Aber ist das auch wirklich so?»
«Dubiose Fakten, inhaltlicher Müll»
Carr stellt also die Frage, ob nicht genau das Gegenteil der Fall sein könnte. Dabei nimmt er sich das Lexikon Wikipedia vor, ein Paradepferd von Web 2.0, dem Internet der Amateure.
Und Carr zerpflückt es nach Strich und Faden. Wo O’Reilly Wikipedia als Musterbeispiel für das gemeinschaftliche Erstellen von Wissen zu sehen meint und das Lexikon laut Kelly in Ansätzen zeigt, wie sich die vielen Hirne der Menschheit mit dem Einen Ding koppeln, erkennt Carr vor allem Unzulänglichkeiten: Fehler, schlechter Stil, dubiose Quellenlage, manchmal schlicht inhaltlicher «Müll».
Carr hört bei Wikipedia nicht auf, er nimmt sich auch die Weblogs zur Brust: Sie seien mehrheitlich oberflächlich, Meinung zähle mehr als Berichterstattung, und sie würden, statt politischem Extremismus entgegenzutreten, ihn noch fördern. Carr bezeichnet seine Gegner als Esoteriker, als Leute, die einem «Kult der Amateure» verfallen seien. Carrs Kollege, der Publizist John C. Dvorak, versteht unter Web 2.0 vor allem eine «weitere Bezeichnung für den nicht enden wollenden Versuch, die Dotcom-Hysterie der 90er-Jahre wiederherzustellen». «Einige sehen die Möglichkeiten von Web 2.0 in utopischen Dimensionen, sie sehen eine Schöne Neue Internetwelt – alles ist so cool.» In seiner Kolumne «Der Web 2.0 Quatsch» schliesst er: «Das Modewort Web 2.0 steht schlicht für eine Idee, die es seit Jahrzehnten gibt: Do it yourself.»
Egal, wem man eher beipflichten mag, Carr weist auf einen wichtigen Punkt hin: Programmcode kennt keine Moral. Was damit entsteht, ist nicht einfach «gut». Und so sind auch die Möglichkeiten, die dank Web 2.0 entstehen, nicht einfach zum Besten der Menschheit. Sie wird damit nicht à la Kelly automatisch in ein «höheres Bewusstsein» versetzt.
Und wie im Web 1.0, als viele Experten begeistert von einer «neuen Ökonomie» schwärmten und sich nach der Depression 2001 herausstellte, dass die Gesetze der «alten Ökonomie» nach wie vor gelten, so könnten sich auch etliche hochtrabende Erwartungen an Web 2.0 im ewigen Datennirvana des Einen Dings verlieren.
Quelle: Von Christian Bütikofer, Tagesanzeiger.ch
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